Alpencross, 6. Etappe: Trient – Riva (27.08.2005)
Sandra hat uns bereits die letzten Tage immer darauf vorbereitet, dass gleich nach dem Frühstück ein supersteiles Stück mit 200 hm am Stück kommt, bei dem man schieben muss, wenn man nicht gleich am Anfang richtig auf dem Rad ist. Haha, das Stück ist so steil, dass ich immer schieben müsste. Zudem habe ich letzte Nacht sehr schlecht geschlafen, weil mir das Essen quer lag.
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Tjark hatte Recht, als er sagte, dass es sich rächen würde, gestern so wenig gegessen zu haben. Auch zum Frühstück habe ich nur ein kleines Schälchen Joghurt und eine Scheibe Weißbrot gegessen. Mehr mochte ich nicht. Ich schiebe es aber nicht nur auf das Essen von gestern, sondern auf den Zustand meiner Trinkblase. Das Mundstück beherbergt einige Bewohner, von denen ich lieber nicht wissen möchte, was sie in meinem Magen anrichten. Sogar die Kukident haben sie nicht beseitigt.
Nach der supersteilen Passage geht es immer noch sehr steil, aber man kann wenigstens wieder fahren. Im nächsten Ort warten alle auf mich, es gibt eine kurze Gelegenheit, die Trinkblase nachzufüllen. Ein Glück. Jetzt geht es in Serpentinen weiter, insgesamt auf knapp 800 m Höhe. Es geht nicht besonders gut bei mir heute. Ich bin immer die Letzte und hechele allen anderen hinterher. Kaum dass ich die Gruppe erreicht habe, geht es schon wieder weiter. Nach einigen Kilometern, es geht immer auf und ab, komme ich in der kurzen Pause, die die anderen mir geben gerade mal dazu, einen halben Powerriegel zu essen, dann geht es schon wieder weiter. Ätzend. Bei Kilometer 20 ist Ende: Nachdem wir mittlerweile bis jetzt schon fast 750 hm gefahren sind, ist der Akku total leer. Ich sitze heulend am Straßenrand und kann nicht mehr. Ich habe einfach keine Kraft mehr und bekomme sehr schlecht Luft. Sandra kommt zurück und begleitet mich langsam bis zum übernächsten Ort. Dort soll eine Pause sein. Im Straßenlokal sitzen die Anderen und warten auf uns. Keiner fragt, was gewesen ist oder wie es mir geht. Die Gruppe besteht echt nur aus Egozentrikern. Tjark fragt Sandra, ob das in den Gruppen immer so ist, aber auch sie scheint es sehr seltsam zu finden, dass sich in der Gruppe so gar kein Zusammengehörigkeitsgefühl einstellt. Das ist sehr ungewöhnlich. In der Pause esse ich eine Lasagne, Nahrung muss in den Körper, um den Akku wieder aufzufüllen. Dieter fragt danach wenigstens mal, ob es wieder geht und was denn los war. Ein Pluspunkt für ihn.
Nach der Pause geht es immer so dahin. Mal auf, mal ab. Sandra bleibt länger bei mir, das ist echt nett. Leider sind auch hier wieder zwei steile Rampen dabei, die eine war angekündigt, die andere hatte Sandra irgendwie vergessen, jaja.
An einer Stelle geht es einen sehr schotterigen Weg steil bergab. Wir schieben. Diese Abfahrt übersteigt unsere Fahrkünste deutlich. Hier gibt es auch den ersten Sturz in der Gruppe: Heinz ist in einer Kurve das Hinterrad weggerutscht, so dass er sich auf die Nase gelegt hat. Er hat nur ein paar Kratzer am Arm und am Bein, ist gut dabei weggekommen.
Wir fahren jetzt immer an einem Flüsschen auf der Straße entlang. Noch eine Welle mit etwa 75 hm steht uns bevor, dann geht es bergab zum Gardasee. Ich entschwinde kurz in die Büsche, Sandra fährt vor zur Gruppe und lässt sie oben am Berg auf mich warten. Hier haben wir den ersten Blick auf den Gardasee, hurra! Leider ist es sehr diesig, man kann den See mehr ahnen als sehen.
Jetzt geht es noch einmal anständig bergab, dann kommen wir nach Arco hinein. Die meisten aus unserer Gruppe wollen aber dort kein Eis essen, sondern lieber gleich zum See bzw. zum Hotel. Wir fahren einen gut ausgebauten Fahrradweg entlang bis Torbole. Dort bei „Mecki“, einem Fahrradbekleidungsgeschäft und Café, verschwindet Sandra kurz und kehrt kurz darauf mit einer Kühlbox zurück. Wir fahren direkt hinunter zum Strand. Es ist geschafft: wir sind trotz katastrophalen Wetters und konditioneller Schwierigkeiten in Riva angekommen.
Auf dem See tobt der Bär: es ist sehr windig, also optimale Surfbedingungen, und das sieht man auch. Alles, was ein Surfbrett besitzt und surfen kann, ist draußen auf dem Wasser. Dort am Strand bekommen wir ein Glas Prosecco und stoßen auf den geschafften Alpencross an. Wir machen etliche Fotos, trinken Prosecco, essen Erdnüsse und freuen uns.
Eine halbe Stunde später fahren wir zum Hotel nach Riva hinein. Es ist nicht so richtig im Ort, eher noch am Ortsrand. Wir haben ein 2-Zimmer-Appartement, so dass wir unsere stinkigen Klamotten im anderen Zimmer lassen können. Angenehm.
Tjark und ich duschen und machen uns auf den Weg in den Ort. Eigentlich wollen wir gar nicht groß etwas sehen, sondern nur ein bisschen bummeln. Wir kaufen einen Mittagssnack für morgen ein und gehen einen Cappuccino trinken. Dann gehen wir schon wieder zum Hotel zurück.
Zum Abendessen treffen wir uns um viertel vor acht vor dem Hotel. Pünktlich zum Abmarsch beginnt es zu tröpfeln. Wir gehen zu einer Trattoria, die etwa 10 Minuten vom Hotel entfernt ist. Als wir kaum am Tisch sitzen, entwickelt sich das Tröpfeln zum Dauerguss. Es schüttet wie aus Kannen und hört auch den ganzen Abend nicht auf.
Die Trattoria ist ein richtiges Restaurant, aber man kann auch überdacht draußen sitzen. Der Koch brutzelt die Gerichte draußen offen am Herd. Sehr nett. Vor allem die Fleischberge, die er vor sich aufgehäuft und in den Kühlschubladen liegen hat, sehen sehr nett aus. Als Vorspeise gibt es Antipasti misti, also verschiedene Wurst-, Fisch- und Gemüsesorten. Danach gibt es dreierlei Sorten Nudeln (Penne all’arrabiata, Spinatravioli und Bandnudeln mit Waldpilzen). Wer noch Hunger hat, kann sich entweder noch ein Hauptgericht oder ein Dessert bestellen. Ich bestelle mir nur eine Creme Caramel, aber Tjark hat schon vorher gesichtet, was er nehmen will: er bestellt sich ein Kalbskotelett. Dieses Kalbskotelett ist ein echtes T-Bone-Steak vom Kalb, gegrillt mit Kartoffeln und Gemüse. Toll. Sieht toll aus und schmeckt auch toll. Echt super. Dort gehe ich wieder hin, wenn ich mal in der Gegend bin.
Tjark ist noch etwas schuldig: er hat zwei Tage zuvor auf einer Abfahrt den Guide überholt und muss nun dafür eine Runde Schnaps ausgeben. Er verliert ein paar nette Worte und dankt Sandra insbesondere auch dafür, dass sie mir stets geholfen hat, wenn es nicht so lief. Reden kann er ja gut, aber das hatten die anderen wohl bislang unterschätzt. Tja, wir haben halt nicht die ganze Zeit auf die Kacke gehauen, wie toll wir sind.
Auf dem Rückweg haben wir mangels Schirm den schnellsten Schritt am Leibe, denn es schüttet immer noch. Ich habe meine Fleecejacke an, Tjark nur seinen roten Fleecepullover. Ich krempele mir die Hosenbeine hoch, damit die Hose nicht so dreckig wird. Im Hotel nehmen wir noch ein Absackerbier, Heinz, Dieter und Beate gesellen sich auch noch zu uns, und Heinz spendiert eine Runde Grappa. Danach gehen wir aber auch bald ins Bett, allerdings werten wir zuvor noch aus, wie viele Kilometer wir gefahren sind und wie viele Höhenmeter: 313 km und 3858 Höhenmeter. Respekt.
Matze: Bärnd
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